fbpx
Startseite Interviews Weniger Antibiotika dank Komplementärmedizin

Weniger Antibiotika dank Komplementärmedizin

von Redaktion Millefolia

Von Tanya Karrer

Tido von Schoen-Angerer war für Médecins Sans Frontières rund um den Globus tätig. Heute leitet er eine integrative Kinderarztpraxis in Genf und untersucht in Studien, wie der Antibiotikaeinsatz reduziert werden kann – auch dank Komplementärmedizin.

Herr von Schoen-Angerer, Antibiotikaresistenzen sind ein grosses Problem. Sie forschen, wie und wo der Einsatz von Antibiotika reduziert werden könnte. Welche Rolle spielt dabei die Komplementärmedizin?
Tido von Schoen-Angerer: Sie schlägt Brücken, indem sie Behandlungsalternativen bietet und so einen Beitrag zur Lösung eines globalen Gesundheitsproblems leistet.

Die Komplementärmedizin leistet einen Beitrag zur Lösung eines globalen Gesundheitsproblems.

Durch sie vervielfacht sich das Behandlungsarsenal. Die Antibiotikaresistenz ist ein Thema, bei dem sich Integrativ- und Schulmediziner einig sind: Es muss etwas getan werden.

In einer Studie konnten Sie zeigen, dass in vielen Fällen von kindlichen Lungenentzündungen auf eine antibiotische Behandlung verzichtet werden kann.
Die Verschreibungsrate von Antibiotika bei Lungenentzündung bei Kindern liegt gemäss Fachliteratur zwischen 88 und 98 Prozent. In unserer Untersuchung in einer integrativ arbeitenden Kinderklinik in Stuttgart lag die Verschreibungsrate bei hospitalisierten, also stark kranken Kindern bei nur 32 Prozent, bei trotzdem exzellenten Verläufen. Das sind weltweit einmalige Daten. Sie zeigen, dass ein ansonsten gesundes Kind durchaus eine Pneumonie überwinden kann, sowohl bei viralen als oft auch bei bakteriellen Infektionen.

Sie führen diesen Erfolg auf drei Faktoren zurück. Welche?
Erstens verfügen die Ärzte dieser Klinik über sehr viel klinische Erfahrung mit dem zurückhaltenden Einsatz von Antibiotika. Zweitens werden die Patienten genau beobachtet. So kann bei vielen eine Behandlung ohne Antibiotika begonnen werden, die Situation wird aber täglich neu beurteilt und die Behandlung, wenn nötig, angepasst. Als dritter Faktor kommt der ganzheitliche Ansatz der anthroposophischen Medizin mit vielen äusseren Anwendungen wie Brustwickeln hinzu.

Ist dieser dritte Faktor, der ganzheitliche Ansatz, entscheidend für den Erfolg?
In dieser Studie konnten wir noch nicht herausfiltern, welcher Faktor wie viel zum guten Resultat beiträgt. Dies soll nun prospektiv weitererforscht werden. Die Ärzte der Klinik jedenfalls haben den Eindruck, dass die komplementäre Therapie entscheidend ist.

Man weiss aus Studien, dass integrativ arbeitende Hausärzte deutlich weniger Antibiotika verschreiben.

Man weiss auch aus anderen Studien, dass integrativ arbeitende Hausärzte deutlich weniger Antibiotika verschreiben, oft mit sogar rascherer Symptomverbesserung.

Staphylococcus aureus

Was sind Antibiotikaresistenzen?

Antibiotika sind Arzneimittel zur Behandlung bakterieller Infektionskrankheiten. Sie töten Bakterien ab oder hemmen ihr Wachstum. Überleben Bakterien jedoch die Behandlung, können sie sich rasch vermehren und mutieren. So werden sie gegen antibiotische Medikamente resistent. Ein unreflektierter Einsatz von Antibiotika fördert Antibiotikaresistenzen mit der Folge, dass diese Medikamente im Ernstfall nicht mehr wirken.
Antibiotikaresistenzen sind ein globales Gesundheitsproblem. Das Bundesamt für Gesundheit verabschiedete 2015 die Strategie Antibiotikaresistenzen (StAR). Die Komplementärmedizin kann, wie Studien vermehrt zeigen, zu ihrer Umsetzung beitragen.

Inwiefern ist ein Umdenken bei der Behandlung von Infektionskrankheiten bei kindlichen Lungenentzündungen erforderlich?
Es benötigt einen anderen Umgang mit Fieber. Es ist wissenschaftlicher Konsens, dass Fieber grundsätzlich gut ist, es ist
eine Immunantwort. Es ist daher wichtig, das Vertrauen der Patienten dahingehend zu stärken, dass sie in vielen Fällen ein
Fieber und die zugrunde liegende Infektion überwinden können, auch ohne fiebersenkende und entzündungshemmende Medikamente oder Antibiotika.

Ein unreflektierter Einsatz von Antibiotika fördert Antibiotikaresistenzen

In einem anderen Artikel, der bald veröffentlicht wird, zeigen Sie, dass dies noch für andere Erkrankungen gilt. Welche?
Für Infektionen der oberen Luftwege wie Bronchitis ist dies lange bekannt, neu ist dies für die Streptokokken-Angina. Hierfür gibt es nun auch Empfehlungen, sie ohne Antibiotika zu behandeln. Dies muss allerdings noch breiter kommuniziert werden. Ermutigend ist auch eine Übersichtsstudie der Cochrane Collaboration, die mit guter Evidenz bestätigt, dass die Komplikationsraten bei einer Mittelohrentzündung gleich hoch sind, unabhängig davon, ob mit oder ohne Antibiotika behandelt wird.

Wie kann eine Mittelohrentzündung ohne Antibiotika behandelt werden?
Hier hat die Komplementärmedizin sehr viel zu bieten, es gibt zum Beispiel Evidenz dafür, dass pflanzliche oder homöopathische Ohrentropfen die Symptome gut lindern und es dadurch zu weniger Antibiotikaverschreibungen kommt. Es ist ein Bereich, in dem noch mehr geforscht werden müsste.

Wie sieht es bei der Blasenentzündung aus?
Auch diese häufige Frauenerkrankung kann in den meisten Fällen ohne Antibiotika behandelt werden, sie dauert dann allerdings zwei bis drei Tage länger. Für komplementäre Behandlungen wie mit Pflanzenextrakten ist die Evidenz leider nicht eindeutig.

Eine Blasenentzündung kann in den meisten Fällen ohne Antibiotika behandelt werden.

Nicht immer lässt sich die gute klinische Erfahrung unmittelbar in Studien abbilden. Eine Untersuchung zum Bärentraubenextrakt zeigte zum Beispiel keine Wirkung, sie konnte dafür bestätigen, dass der Harnwegsinfekt nicht mit Antibiotika behandelt werden muss.

Wo liegen weitere Chancen der Komplementärmedizin hinsichtlich der Antibiotikareduktion?
Es geht darum, ganzheitlich die Immunantwort zu unterstützen. Ich denke, das ist sogar ein Trend, der von der konventionellen Medizin aufgenommen wurde, wo zunehmend die Immuntherapie in den Vordergrund tritt. Auch hier liegt der Fokus darauf, die eigene Körperantwort zu stärken.

Beeinflusste Ihre internationale Tätigkeit Ihr Interesse an anthroposophischer Medizin?
Nein, schon während des Medizinstudiums in Deutschland und Schweden interessierte ich mich für Anthroposophie. Die Aidskrise führte mich dann ins Ausland. Es gab allerdings bei Médecins Sans Frontières keine Möglichkeit, komplementärmedizinisch zu arbeiten.

Nun haben Sie diese Möglichkeit.
Ja, und die Nachfrage der Patienten nach integrativer Medizin ist sehr hoch.

Die Nachfrage der Patienten nach integrativer Medizin ist sehr hoch.

In Genf, wo ich praktiziere, gibt es unter den etwa 200 Kinderärzten nur zwei Kollegen, die ansatzweise integrativmedizinisch arbeiten. Leider wird diesem Bedürfnis in der medizinischen Ausbildung noch zu wenig Rechnung getragen.


Tido von Schoen-Angerer

Tido von Schoen-Angerer ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin FMH und Arzt für anthroposophisch erweiterte Medizin FMH/VAOS. Er hat eine Kinderarztpraxis in Genf, leitete die Einführung der integrativen Medizin in der Kinderheilkunde des Kantonsspitals Fribourg und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am ARCIM Institute der Filderklinik (Deutschland). Er studierte Medizin in Deutschland und Schweden, erwarb den Facharzt in den USA und war während 14 Jahren für Médecins Sans Frontières tätig.

 

 


Verwandte Beiträge:

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Jede noch so kleine Spende hilft, künftige Beiträge zu ermöglichen. Herzlichen Dank!

Diesen Beitrag teilen

Schreiben Sie einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Bleiben Sie informiert

und erhalten Sie per E-Mail eine Auswahl der besten Artikel und Informationen.

 

Millefolia:
natürlich
gesund
vielseitig

 

Millefolia-Newsletter: ausgewählte Artikel, Tipps und Veranstaltungen
Dakomed-Newsletter: Informationen zu politischen Entwicklungen und Verbandsaktivitäten

Welche unserer Newsletter möchten Sie abonnieren?

Vielen Dank! Wir haben Ihnen eine E-Mail gesendet, bitte bestätigen Sie Ihre Anmeldung durch Klick auf den Link.

Tenez-vous au courant

en recevant par courriel une sélection des meilleurs articles et informations. 

 

Millefolia :
Nature
Santé
Diversité

 

Infolettre Millefolia : articles choisis, conseils, manifestations
Infolettre Fedmedcom : informations sur l’évolution politique et les activités des associations

Infolettres désirées

Merci beaucoup ! Nous vous avons envoyé un e-mail, veuillez confirmer votre inscription en cliquant sur le lien.