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Bulletin 25: Natürliche Arzneimittel gefährdet

Zu wenig Geld für den grossen Schatz

Spagyrische Sprays, heilsame Natursalben, homöopathische Globuli: Seit 20 Jahren trägt Apothekerin Jacqueline Ryffel mit ihrer Firma Spagyros dazu bei, dass der Reichtum im komplementärmedizinischen Arzneimittelschatz in der Schweiz nicht versiegt. Angesichts des grossen Drucks der Behörden, die Preise zu senken, fürchtet sie um das Überleben ihrer Firma.

«Manche Menschen denken, das, was sie nicht sehen können, existiere nicht», sagt Jacqueline Ryffel. «Aber niemand würde behaupten, den Mond gebe es nicht – auch dann nicht, wenn es Neumond ist und nichts zu sehen ist von ihm!»

Die Geschäftsführerin und Verwaltungsratspräsidentin von Spagyros, Jahrgang 1959, diplomierte Apothekerin FPH Klassische Homöopathie, Kurzhaarschnitt, gekleidet mit nonchalanter Eleganz, steht im brandneu errichteten Lagerraum ihrer Firma im Berner Vorort Worb und lächelt mit einer gewissen Resignation. Sie weiss, wovon sie spricht. Seit 20 Jahren leitet Ryffel die Firma, die spezialisiert ist auf die Herstellung von homöopathischen, spagyrischen sowie gemmo- und phytotherapeutischen Arzneimitteln. Erst letztes Jahr ist man in neue, den behördlichen Auflagen entsprechende Räumlichkeiten umgezogen, und seither gibt es für alles auch ein bisschen mehr Platz.

Aus einem der mächtigen Schränke im Lager zieht Ryffel eine flache Schublade heraus: Fein säuberlich aufgereiht finden sich dort unzählige kleine Dispenser-Röhrchen, jedes von ihnen gefüllt mit Globuli eines homöopathischen Präparats in einer anderen Potenz – also einer anderen Verdünnung.

Grosse Vielfalt

Das grösste Spektrum hat Spagyros bei den homöopathischen Produkten mit 450 Ausgangssubstanzen. In Wahrheit bedeutet dies um ein Vielfaches mehr an Arzneimitteln: Jede Substanz gibt es in verschiedensten Potenzierungsstufen. Die Homöopathie ist eine Individualtherapie, und jeder Patient, jede Patientin erhält ein perfekt für ihn und sie passendes Rezept. «Und wir müssen jedes einzelne dieser Arzneimittel an Lager haben», erklärt die engagierte Apothekerin.

Von den 15 000 homöopathischen Fertigarzneimitteln wird ungefähr die Hälfte kein einziges Mal verkauft in einem Jahr und ein Fünftel nur einmal. Ryffel: «Und trotzdem muss alles verfügbar sein, darauf müssen Patienten,Apotheken und Ärzte vertrauen können.» Das Problem für den kleinen Betrieb mit 30 Mitarbeitenden ist dabei: Ob er nur ein einziges Röhrchen herstellt oder deren 10 000 – der Aufwand dafür bleibt sich gleich, insbesondere bei der Qualitätssicherung und -kontrolle. Die Hersteller müssen die selten verordneten Arzneien quersubventionieren, etwa mit Kosmetika.

Die Mutter zweier erwachsener Söhne ist selber gerne draussen in der Natur, geht wandernd auf Pflanzensuche oder joggen und kocht fürs Leben gern. «Arzneimittel herzustellen, hat viel Gemeinsamkeiten mit dem Kochen», sagt sie. Nur müsse man sich bei Ersterem sehr genau ans Rezept halten.

Preis fix – und zu tief

Weil die Mittel kassenpflichtig sind, können die Hersteller den Preis nicht einfach selber bestimmen; das Bundesamt für Gesundheit BAG legt diesen fest. Und der liegt bei den Heilmitteln ohne Indikation wie es die homöopathischen Mittel sind – zwischen 5.45 und 19.95 Franken pro Röhrchen. Zudem werden die Herstellungskosten von den immer strengeren Auflagen für Herstellung und Qualitätssicherung in die Höhe getrieben. Bei Spagyros mussten im Laufe der Zeit allein deswegen drei Vollzeitstellen geschaffen werden. «Aber die Preise wurden parallel dazu nicht erhöht», sagt Ryffel. Die letzte Preisanpassung erfolgte vor bald 10 Jahren.

Zusammen mit anderen Firmen hätten sie und der Schweizerische Verband für komplementärmedizinische Heilmittel SVKH die Zahlen über ihre Mehrkosten offen auf den Tisch gelegt, sagt Ryffel, selbst langjähriges Vorstandsmitglied des SVKH. Ohne Erfolg: Das Gesuch um eine moderate Preiserhöhung wurde vom BAG mit dem Verweis auf den Auslandsvergleich abgeschmettert. Dabei werde aber vergessen, dass im Preisvergleichsland Deutschland der Markt 10-mal grösser sei und somit in grösseren Chargen produziert werden könne.

Risikopotenzial berücksichtigen

Die Spagyros-Geschäftsführerin hofft nun darauf, dass mit dem neuen Heilmittelgesetz komplementärmedizinische Arzneimittel auch wirklich vereinfacht zugelassen werden. Sie wünscht sich von Swissmedic vermehrt eine risikobasierte Sicherheitsbeurteilung. Ryffel: «Denn welches Risiko kann schon von einem Arzneimittel ausgehen, das als Pflanze ursprünglich zwar giftig war, dann aber verdünnt wurde um den Faktor 1030, sodass das Gift komplett verschwunden ist und nur  noch die Informationen für die Zelle verbleiben?» Sie fordere nicht unverschämte Preise, aber marktgerechte. 25 bis 30 Prozent mehr pro Röhrchen würden schon  reichen,  das wären zwei bis fünf Franken pro Arznei. «Damit wären wir immer noch längst nicht reich – aber wir könnten wenigstens unsere Kosten decken und die Arzneimittelvielfalt sichern.»