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Auf dem Weg zur Zweiklassen-Komplementärmedizin

von Redaktion Millefolia

Von Karin Meier

Immer mehr Komplementär- und Phytoarzneimittel, die über die Grundversicherung abgerechnet werden können, lassen sich wirtschaftlich nicht mehr rentabel produzieren. Sie verschwinden deshalb vom Markt oder müssen über Zusatzversicherungen bezahlt werden. Beides hat schwerwiegende Nachteile für komplementärmedizinische Behandlungen.
Die Zahl der Komplementär- und Phytoarzneimittel ist seit langer Zeit rückläufig. Allein in den letzten zehn Jahren sind mehr als 30 Prozent aller Phytoarzneimittel verschwunden. Dr. med. Andreas Arendt, Hausarzt mit Schwerpunkt anthroposophische Medizin und Co-Präsident der Vereinigung anthroposophisch orientierter Ärzte in der Schweiz (VAOAS), schätzt den Rückgang sogar als noch gravierender ein: «Als ich 1998 in Liestal meine Hausarztpraxis eröffnete, bestand das Sortiment eines bedeutenden Herstellers anthroposophischer Arzneimittel aus rund 2000 Produkten. Heute, 22 Jahre später, sind es nur noch rund 800 Arzneimittel. Bei anderen Herstellern ist die Tendenz ähnlich.»

«Wie ein Fischer ohne Angel»

Komplementärmedizinisch tätige Ärzte wie ihn stellt dies vor grosse Herausforderungen. Denn sie führen Individualtherapien durch, bei denen sie punktgenau auf die Situation ihrer Patientin bzw. ihres Patienten eingehen. Dafür benötigen sie ein breites Sortiment an Komplementär- und Phytoarzneimitteln, aus dem sie das im Einzelfall angezeigte Mittel wählen. Die Ausdünnung des komplementärmedizinischen Arzneimittelsortiments verunmöglicht genau dies.

Fehlt ein Mittel, müssen wir entweder auf das zweitbeste Arzneimittel ausweichen, treffen damit aber das Therapieziel nicht genau. Oder wir nehmen einen Systemwechsel vor und wenden eine schulmedizinische Behandlung an, der eine ganz andere Sicht auf den Menschen zugrunde liegt.

Immer neue Auflagen verteuern die Herstellung von vielen Komplementär- und Phytoarzneimitteln so sehr, dass sie nicht mehr kostendeckend hergestellt werden können.

Die Folge: «Fehlt ein Mittel, müssen wir entweder auf das zweitbeste Arzneimittel ausweichen, treffen damit aber das Therapieziel nicht genau. Oder wir nehmen einen Systemwechsel vor und wenden eine schulmedizinische Behandlung an, der eine ganz andere Sicht auf den Menschen zugrunde liegt. Die Resultate sind in beiden Fällen nicht optimal. Manchmal komme ich mir dabei vor wie ein Fischer ohne Angel», sagt Andreas Arendt.

Höhere Auflagen verteuern Arzneimittel

Andreas Arendt sieht drei Gründe für den Rückgang der Vielfalt bei den Komplementär- und Phytoarzneimitteln. Erstens verteure sich ihre Herstellung, da die behördlichen Auflagen stetig anstiegen. Ein Beispiel sei die neu notwendige Volldeklaration aller Inhalts- und Hilfsstoffe mit Sicherheitshinweisen, die aufwändigere Verpackungen erfordert. «Die Fläschchen sind meist zu klein, um all diese Angaben zu enthalten. Deshalb müssen die Hersteller sie mit Wickeletiketten beschriften oder sie in Schachteln verpacken, die eine Packungsbeilage enthalten.»

Durch die neue Zusammensetzung verliert das Medikament seine Wirkung.

Wegen möglicher Nebenwirkungen werden zweitens bei bisher erfolgreich angewendeten Medikamenten die zulässigen Höchstgrenzen potenziell giftiger Inhaltsstoffe, zum Beispiel jenen von Pflanzen, stark heruntergesetzt. «Durch die neue Zusammensetzung verliert das Medikament jedoch seine Wirkung. Wollen die Hersteller die Wirkstoffe beibehalten, müssten sie in Studien beweisen, dass diese nicht gefährlich sind. Das können sie sich schlicht nicht leisten», sagt Andreas Arendt. Als dritte Ursache nennt er das Nachfolgeproblem in der Komplementärmedizin: Je weniger Komplementär- und Phytoarzneimittel verschrieben werden, desto weniger verkaufen die Hersteller und desto teurer wird die Produktion.

Beinwell und viele andere Heilpflanzen enthalten giftige Stoffe. Den Beweis für deren Unbedenklichkeit zu erbringen, übersteigt die finanziellen Möglichkeiten vieler Hersteller – und das Mittel verschwindet.

Behandlungsbreite gefährdet  

Die Ausdünnung der Komplementär- und Phytoarzneimittel hat nicht nur negative Folgen für die Behandlung von einzelnen Patientinnen und Patienten, sondern gefährdet laut Andreas Arendt auch die Abdeckung aller medizinischen Fachrichtungen durch die Komplementärmedizin. Die Patientinnen und Patienten verlieren so die Möglichkeit, ihre Behandlungsart selbst wählen zu können. Zudem decken die Preise, die über die Grundversicherung abgegolten werden, die Kosten nicht mehr ab. Deshalb sind manche Hersteller von Komplementär- und Phytoarzneimitteln gezwungen, diese aus der Grundversicherung herauszunehmen. Sind die Mittel dann teurer und nur noch über Zusatzversicherungen gedeckt, sind wir auf dem besten Weg zu einer Zweiklassenmedizin.

Bilder: Unsplash, Pixabay


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